Rückblick: Wie Jung und Alt voneinander lernen können

Was passiert, wenn Schmetterlinge und Wölfe gemeinsam auf der Baustelle stehen?

Zwei Tiere, die auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein könnten. Ein schönes Bild. Und vielleicht eines, das gerade im Handwerk zum Nachdenken anregt.

In seinem Vortrag vergleicht Prof. Dr. Hille die unterschiedlichen Generationen mit Tieren und beschreibt die Generation Z als Schmetterlinge: Sie wollen gesehen, wahrgenommen und bewundert werden. Die Babyboomer hingegen werden mit Wölfen verglichen – ausdauernd, durchsetzungsstark und nicht selten mit einer ganzen „Armee“ hinter sich. Ein ungewöhnliches Bild aber eines, das zum Nachdenken anregt: Was passiert, wenn Wölfe mit Schmetterlingen sprechen?

Impressionen zur Veranstaltung der Kreishandwerkerschaft Görlitz mit Prof. Dr. Hille

Ein Vortrag, der die Zuhörer in den Bann zog

Die Kreishandwerkerschaft Görlitz hatte zum Thementag „Generation Z entschlüsselt: Praktische Impulse zur Generationenarbeit in Ausbildung, Mitarbeiterführung und bei der Betriebsübergabe“ eingeladen. Nicht nur Handwerksbetriebe sind der Einladung gefolgt.

Zunächst nahm Prof. Dr. Hille die Anwesenden mit auf eine kurzweilige Reise in die Lebens- und Arbeitswelt der unterschiedlichen Generationen. Die Aufmerksamkeit war entsprechend groß – man hätte beinahe eine Stecknadel zu Boden fallen hören können.

Bevor es in den gemeinsamen Austausch und eine anschließende Fragerunde ging, wurden die Anwesenden aufgefordert, von ihren eigenen Erfahrungen mit den unterschiedlichen Generationen im Betrieb zu berichten. Schnell wurde deutlich: Die Generation Z lässt sich nicht einfach mit einigen wenigen Schlagworten beschreiben. Vielmehr spielen gesellschaftliche Entwicklungen, veränderte Lebenswelten, neue Kommunikationsformen und unterschiedliche Vorstellungen von Arbeit und Führung eine wichtige Rolle.

Gerade für Ausbildungsbetriebe und Handwerksunternehmen ergeben sich daraus zahlreiche Fragen und neue Herausforderungen.

Nicht besser. Anders.

Die Generation Z, geboren etwa zwischen 1995 und 2012, ist als erste Genration komplett digital aufgewachsen („Digital Natives“) und durch Krisen (Pandemie, Klimawandel) geprägt; sie suchen nach Selbstverwirklichung, Sinn und Lebensqualität. Dadurch bringt diese Generation auch andere Erwartungen an Arbeit mit als frühere Generationen. Sicherheit, Struktur, Wertschätzung und Entwicklung spielen eine wesentliche Rolle. Gleichzeitig erleben manche jungen Menschen den Betrieb zunächst als „Stress-Einheit“. Denn die Angst, Fehler zu machen, die Sorge vor Überforderung und psychische Belastungen gehören ebenfalls zur Realität.

Das bedeutet nicht, dass junge Menschen weniger leisten wollen. Es bedeutet zunächst einmal - sie gehen anders mit Arbeit um.

Der Betrieb ist nicht nur ein Arbeitsplatz

Das Handwerk lebt mit dem Image, früh aufzustehen, körperlich zu arbeiten, Verantwortung zu übernehmen, Termine einzuhalten und Kundenwünsche zu erfüllen. Wie soll es da zusammenpassen, wenn junge Menschen „mit Samthandschuhen angefasst“ werden sollen.

Wir müssen uns eingestehen, dass sich die Arbeitswelt verändert hat und mit ihr die Wahrnehmung von Arbeit. Für viele junge Menschen ist ein Arbeitsplatz nicht mehr nur der Ort, an dem man seine Arbeitskraft gegen Geld tauscht. Er ist gleichzeitig sozialer Raum, Entwicklungsraum und ein Teil der eigenen Identität. Es ist ein Ort des Lernens. Dadurch entstehen neue Erwartungen:

  • Ich möchte wissen, warum ich etwas tue.
  • Ich möchte mich entwickeln.
  • Ich möchte ernst genommen werden.
  • Ich möchte Fehler machen dürfen, ohne sofort abgestempelt zu werden.
  • Ich möchte wissen, woran ich bin.
  • Ich möchte einen Sinn in meiner Arbeit erkennen.

Das bedeutet nicht, dass jeder Wunsch erfüllt werden muss. Vielmehr steckt in diesen Fragen die Chance auf Entwicklung, denn Führung funktioniert heute viel stärker über Beziehung, Orientierung und Kommunikation.

Beziehungsebene vor Sachebene

Gerade im Handwerk ist die Versuchung groß, schnell zur Sache zu kommen („Das muss heute fertig werden.“, „Das haben wir doch besprochen.“, „Mach einfach.“). Doch bevor Menschen sachlich gut zusammenarbeiten können, braucht es eine funktionierende Beziehungsebene. Wer Vertrauen hat, spricht Probleme an. Wer Angst vor der Reaktion des Vorgesetzten hat, versucht Fehler möglicherweise zu verstecken.

Führung beginnt mit Beziehung, deshalb braucht es Führung auf Augenhöhe - klare Erwartungen, ehrliches Feedback und gleichzeitig das Gefühl, als Mensch gesehen zu werden. Völlig unabhängig von ihrem Geburtsjahr!

Das bedeutet nicht, das Führung „weicher“ werden muss. Im Gegenteil, sie wird anspruchsvoller und sollte vor allem konsequent sein. Eine gute Beziehung benötigt klare Worte.

Die Angst vor Fehlern ist größer geworden

Ein Maß stimmt nicht. Ein Bauteil sitzt falsch. Ein Auftrag dauert länger als geplant. Eine Kalkulation geht nicht auf. Im Handwerk gehören Fehler zum Alltag. Sie ermöglichen uns zu lernen und bessere Lösungen zu entwickeln.

Die Frage ist daher nicht, wer Schuld hat, sondern wie man sich ständig verbessern kann. In seinen Ausführungen beschreibt Prof. Dr. Hille die Fehlerkultur im Handwerk als Chance zum „betreuten Scheitern“. Gerade Auszubildende und Berufseinsteiger brauchen Situationen, in denen sie Dinge ausprobieren dürfen – mit einem Sicherheitsnetz.

Gleichlautend verweist er darauf, dass junge Menschen wenig Möglichkeiten bekommen, Erfahrungen zu sammeln und das Bildungssystem eher daraufsetzt, Fehler zu vermeiden. Daher werden Fehler von jungen Menschen oft als Schwäche empfunden.

Sicherheit entsteht durch Struktur

Wer neu in einem Betrieb ist, kennt die ungeschriebenen Regeln (noch) nicht. Wer entscheidet was? Wann frage ich nach? Was passiert, wenn etwas schiefgeht? Wer hilft mir?

Was für einen Gesellen vielleicht schon selbstverständlich ist, kann für einen Menschen, der neu im Team ist, völlig unklar sein. Deshalb ist Struktur kein Zeichen von Misstrauen. Ganz im Gegenteil - Struktur bietet Sicherheit. Auf beiden Seiten. Klare Ziele. Klare Zuständigkeiten. Klare Erwartungen. Regelmäßige Gespräche und vor allem verlässliche Ansprechpartner. Wer weiß, was von ihm erwartet wird, kann leichter selbstständig handeln.

Ziele geben Orientierung

Gerade wenn Sicherheit über Struktur entsteht, sind klare Ziele entscheidend. Nicht nur große Unternehmensziele wie Umsatz, Wachstum oder Gewinn, sondern auch konkrete Ziele für die einzelnen Mitarbeitenden. Was möchtest du lernen? Welche Aufgaben möchtest du irgendwann selbstständig übernehmen? Und was brauchst du, damit es funktioniert?

Entwicklung auf Augenhöhe bedeutet nicht, dass jeder alles bestimmen darf. Es bedeutet, dass Entwicklung gemeinsam besprochen wird.

Diversität ist kein Modewort

Wenn verschiedene Generationen zusammenarbeiten, entsteht automatisch eine Form von Diversität. Und genau diese Unterschiedlichkeit kann Unternehmen stärker machen.

Wir haben heute mehr (Zugriff auf) Wissen denn je; gleichzeitig ist Wissen allein nicht mehr der entscheidende Wettbewerbsvorteil. Zukünftig wird entscheidend sein, wie Menschen mit Wissen umgehen und ob es gelingt, aus unterschiedlichen Perspektiven Lösungen gemeinsam zu entwickeln.

Menschen arbeiten immer mit Menschen

Vermutlich ist die wichtigste Botschaft des Abends, dass Menschen mit Menschen arbeiten - Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Ängsten, Stärken, Hoffnungen und Lebensgeschichten.

Ein junger Mitarbeiter kann hochmotiviert sein und trotzdem Angst haben, Fehler zu machen. Ein älterer Mitarbeiter kann unglaublich erfahren sein und trotzdem Angst vor Veränderungen haben. Der eine sucht Anerkennung, der andere braucht Wertschätzung für jahrzehntelangen Einsatz. Beides ist menschlich!

Generationskonflikte entstehen immer dann, wenn Unterschiede als Wertung interpretiert werden. Keine Generation ist besser oder schlechter, vielmehr haben sich die Menschen anders sozialisiert und unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Genau darin liegt aber die Chance zur Entwicklung.

Unterschiedliche Kompetenzen stehen sich nicht gegenüber. Wenn Erwartungen und Rollen klar sind, können sie sich gewinnbringend ergänzen.

„Es geht nicht darum, wer gewinnt. Es muss darum gehen, gemeinsam gute Arbeit zu leisten und auch darauf zu achten, dass die Menschen gesund bleiben.“

Natürlich müssen Probleme konsequent angesprochen werden. Aber nur darüber zu sprechen, was schlecht läuft, wird vermutlich kaum dazu führen, besser zu werden.

Generationenübergreifendes Arbeiten muss dennoch keine große Managementstrategie sein. Es beginnt oft mit kleinen Veränderungen im Alltag:

  • Erwartungen aussprechen: Nicht voraussetzen, dass jeder weiß, was gemeint ist. Klar sagen, was erwartet wird – und warum.
  • regelmäßig miteinander sprechen: Nicht erst dann, wenn etwas schiefgelaufen ist. Kurze, regelmäßige Gespräche können viel verhindern.
  • Verantwortung geben: Junge Menschen wollen nicht nur Anweisungen ausführen. Gebt ihnen Aufgaben, an denen sie wachsen können.
  • Fehler gemeinsam auswerten: Nicht sofort den Schuldigen suchen. Erst verstehen, was passiert ist.
  • Erfahrung weitergeben: Erfahrung ist ein Schatz. Aber sie wird wertvoller, wenn man sie teilt, statt sie als Hierarchievorteil einzusetzen.
  • neue Ideen zulassen: Nicht jede neue Idee ist gut. Aber ohne neue Ideen wird irgendwann auch nichts mehr besser.
  • voneinander lernen: Der Auszubildende kann dem Meister etwas über digitale Werkzeuge zeigen. Der Meister kann dem Auszubildenden zeigen, wie man einen Kunden richtig einschätzt.
  • Ziele gemeinsam formulieren: Menschen entwickeln sich leichter, wenn sie wissen, wohin die Reise geht.

Am Ende des Abends steht der Appell an „beide Seiten“, offen und wertfrei aufeinander zuzugehen. Es geht nicht darum, wer besser ist – es muss darum gehen, wie man gemeinsam gut zusammenarbeiten kann. Das Handwerk lebt seit jeher davon, dass Generationen ihre Erfahrungen weitergeben. (Noch) ungewohnt ist vielleicht, dass der Wissenstransfer keine Einbahnstraße mehr sein darf.