Ostsächsisches Handwerk bleibt auf Wachstumskurs – Blick in die Zukunft fällt aber gedämpfter aus

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Ostsächsisches Handwerk bleibt auf Wachstumskurs – Blick in die Zukunft fällt aber gedämpfter aus

Bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Präsident Dittrich fordert Elterngeldpauschale für Selbstständige

09.05.2019

Die Handwerker in Ostsachsen haben weiterhin alle Hände voll zu tun. Doch erste Eintrübungen der konjunkturellen Lage sind erkennbar. Einerseits verzeichnen die Betriebe weiterhin hohe Umsätze, andererseits drücken der zunehmende Fachkräftemangel und die Unsicherheiten auf dem Weltmarkt auf die Stimmung.

„Die aktuelle Lage ist also offenbar bestens, aber die Aussichten für die Zukunft verdunkeln sich etwas“, so Andreas Brzezinski, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Dresden. „Zwar schätzten fast zwei Drittel der befragten Unternehmen die gegenwärtige Geschäftslage als gut ein, weitere Geschäftsverbesserungen erwarten aber weniger als noch vor einem Jahr.“

Anreize für Existenzgründung und Selbstständigkeit schaffen –
bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Wichtig ist zudem, die Selbstständigkeit wieder attraktiver zu gestalten – gerade auch mit Blick auf potentielle Existenzgründerinnen. Ein entscheidender Punkt ist dabei die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. „Es ärgert uns, dass dieses Thema noch nicht in der politischen Wahrnehmung angekommen ist. Zwar hat sich die Bundesregierung die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie auf die Fahne geschrieben – doch geht es in den Argumentationen immer nur um abhängig-beschäftigte Frauen“, hebt Jörg Dittrich, Präsident der Handwerkskammer Dresden, hervor.

Dabei ist das Handwerk längst auch fest in Frauenhand, wie aktuelle Zahlen beweisen: Jedes fünfte Einzelunternehmen im Kammerbezirk Dresden (3.550 Betriebe) wird von einer Frau geführt. Dabei nimmt der Anteil der Frauen in der Chefetage immer weiter zu. Lag der Anteil der Unternehmerinnen von 1998 bis 2013 konstant bei 15 Prozent, erhöhte er sich in den vergangenen fünf Jahren auf nunmehr 20 Prozent. Im Bereich der Ausbildung sind seit circa zehn Jahren ein Viertel der Azubis weiblich. Vor 20 Jahren waren es noch 18 Prozent. Auch bei den Meisterabsolventinnen ist der Trend positiv: Hier lag die Handwerkskammer Dresden in den vergangenen Jahren stets bei rund 15 Prozent weiblicher Absolventen. Vor 20 Jahren waren es noch fünf Prozent.

Doch trotz der positiven Entwicklung ist hier natürlich noch Luft nach oben. Daher hat die Handwerkskammer Dresden Meisterabsolventinnen der vergangenen zehn Jahre rund um das Thema „Frauen im Handwerk“ befragt. Dabei kommt für knapp die Hälfte der Befragten die Selbstständigkeit nicht in Frage, obwohl sie den Meister gemacht haben. Die Gründe hierfür liegen u. a. darin, dass sie sich in einem sicheren Angestelltenverhältnis befinden und sie das finanzielle Risiko bzw. die fehlende Absicherung fürchten, ein weiterer ist die Angst vor zu viel Bürokratie.

Dass dies ein Problem ist, bestätigt auch Friseurmeisterin Ivonne Homola-
Robel, Inhaberin zweier Friseursalons in Wittichenau und Bernsdorf (Landkreis Bautzen), im Rahmen der Pressekonferenz: „Was uns als mittelständisches Unternehmen stark belastet, ist die ausufernde Bürokratie. Diese ist sicher für Großunternehmen einfacher händelbar als für uns Handwerker.“ Die zweifache Mutter, die seit 2006 den Familienbetrieb führt, ergänzt: „Auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist natürlich eine Herausforderung. Aber das funktioniert nur dank guter Organisationskünste und großer Unterstützung zum Beispiel von Seiten der Großeltern.“

Die Herausforderung „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ sehen auch viele der befragten Meisterinnen. Das Kuriose dabei: Für viele war dies ein Grund für die Selbstständigkeit, weil sie sich dadurch mehr Flexibilität und mehr Raum für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erhofft hatten. In der Realität ist es dann bei vielen anders, auch weil die Bürokratie Unmengen zusätzlicher Zeit frisst, aber auch weil Dinge wie Mutterschutz und Elterngeld, die für abhängig-beschäftigte Frauen Usus sind, nicht vorhanden bzw. ungleich komplizierter in der Beantragung sind [1].

Die Handwerkskammer Dresden fordert daher:

(1)   Für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Elterngeld für Selbstständige als Pauschale in einer Höhe von 1.000 bis 1.200 Euro pro Monat – ab dem ersten Tag des Mutterschutzes. „Wir sehen darin eine Art Grundsicherung – mit der Option auf Zuverdienstmöglichkeit. Wichtig ist, dass es auch selbstständigen Frauen möglich ist, eine Familie zu gründen – ohne die Angst, in ein finanzielles Loch zu rutschen“, so Präsident Dittrich. „Die genaue Ausgestaltung liegt in den Händen der Politik. Wichtig ist, dass ein Umdenken stattfindet: Wir appellieren eindringlich an die Politik auch die Selbstständigen mit auf ihre Agenda zu nehmen, wenn es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht.“

(2)   Mehr Würdigung und Wertschätzung der Unternehmensgründung durch den Abbau von Bürokratie und dem Abbau des Misstrauens gegenüber Selbstständigen.

 

Weitere Ergebnisse der Frühjahrskonjunkturanalyse

Der Geschäftsklima-Index erreicht aktuell 137 Punkte. Das sind drei Punkte mehr als noch im Herbst 2018, aber auch drei Punkte weniger als im vergangenen Frühjahr. Ein Grund hierfür ist, dass aufgrund der Unsicherheiten auf dem Weltmarkt nur noch 23 Prozent der befragten Betriebe von weiteren Geschäftsverbesserungen ausgehen. Vor einem Jahr blickten noch 28 Prozent der Betriebe optimistisch in die Zukunft.

Günstig entwickelten sich für die Mehrzahl der Unternehmen die Umsätze. Zwar fallen die Umsätze im ersten Quartal eines Jahres gewöhnlich, doch der Anteil der Betriebe mit Umsatzrückgängen ist mit 25 Prozent in diesem Frühjahr so gering wie noch nie. In 54 Prozent der Betriebe blieben die Umsätze nach dem Jahreswechsel konstant, jeder fünfte meldete Zuwächse.

Die günstigen Umsätze resultieren aus einer sich steigernden Auftragslage. Fast ein Viertel der Unternehmen meldet überdurchschnittliche Auftragsbestände. Die Auftragsreichweiten betrugen durchschnittlich zwölf Wochen, erneut eine Woche mehr als im Vorjahr. Nichtsdestotrotz nehmen die Handwerksbetriebe noch Aufträge an.

Beim Blick auf die Zahl der Beschäftigten setzt sich die Tendenz einer im Wesentlichen stabilen Beschäftigung fort: Der im ersten Quartal übliche saisonale Personalabbau blieb zum zweiten Mal in Folge aus. Zwölf Prozent der Betriebe vermelden steigende Beschäftigungszahlen, 13 Prozent sinkende. Mit Blick auf die nahe Zukunft planen die Befragten größtenteils mit konstanten Personalzahlen oder mehr Fachkräfte einzustellen. Viele Betriebe kämpfen weiterhin mit Abwerbungen, aber auch damit, dass sich Mitarbeiter beruflich verändern wollen. Besonders bei Facharbeitern/Gesellen im Handwerk gibt es einen Fachkräftemangel.

Die relativ hohe Investitionsbereitschaft der Handwerksunternehmen hält weiterhin an. So gibt fast jeder zweite Betrieb im Bau-Handwerk an investiert zu haben. Das Kfz-Handwerk hingegen tätigte erstmals nur auffallend kleine Investitionen.

Die angespannte Preissituation besteht weiterhin. 70 Prozent der Befragten sind von Preiserhöhungen im Einkauf betroffen. 41 Prozent reagierten darauf mit eigenen Preissteigerungen im Verkauf.

Mit Blick auf die einzelnen Branchen zeigen sich weniger Unterschiede als noch in der Vergangenheit. Bau (Maurer, Zimmerer, Dachdecker) und Ausbau (Maler, Klempner, Elektrotechniker), die mit einem Anteil von rund 66 Prozent die größte Gruppe der Mitgliedsbetriebe der Handwerkskammer Dresden bilden, bleiben die Konjunkturmotoren. Das Geschäftsklima ist in Bau und Ausbau (141 bzw. 139 Punkte) nach wie vor überdurchschnittlich gut. Ein großer Wermutstropfen bleibt: Da der wachsende Fachkräftebedarf offenbar nicht mehr gedeckt werden kann, sind die Entwicklungspotenziale für die Geschäftserwartungen gedämpft.

Die Stimmung in der Gruppe der unternehmensnahen Dienstleister hat sich im Vergleich zum Vorjahr aufgrund der internationalen Unsicherheiten und des weiterhin nicht gedeckten Fachkräftebedarfs abgekühlt. Mit 126 Punkten ist die Stimmung bei den Handwerken im gewerblichen Bedarf am geringsten.

Das Kfz-Handwerk kämpft weiterhin mit den Folgen des Dieselskandals und der Verunsicherung der Verbraucher. Die Kaufzurückhaltung der Kunden hält an. Die Hoffnungen der Autohäuser auf eine schnelle Ankurbelung des Neuwagengeschäftes sind nicht in Erfüllung gegangen. Das Geschäftsklima ist im Vergleich zum Vorjahr um 6 Punkte auf 129 Punkte gefallen.

Offenbar auf gleichbleibenden Niveau beurteilen die Handwerker, die für den persönlichen Bedarf arbeiten, ihre Situation. Mit 128 Punkten ist das Geschäftsklima nur geringfügig gegen über dem Vorjahr gestiegen. Allerdings ist der Fachkräfteverlust in dieser Branche am deutlichsten ausgeprägt, so dass Entwicklungspotenziale offensichtlich nicht ausgeschöpft werden können.

Die Stimmung im Lebensmittelhandwerk ist zwar immer noch etwas verhaltener (134 Punkte) als im Durchschnitt im Handwerk in Ostsachsen, jedoch günstiger als in den Vorjahren. Die Bäcker und Fleischer konnten vom Weihnachtsgeschäft offensichtlich so profitieren, dass Umsatz- und Auftragsverluste im ersten Quartal gut abgefangen wurden. Auch die nächsten Monate sieht die Branche optimistisch: 35 Prozent der Betriebe rechnen mit steigenden Umsätzen, zehn Prozent blicken aber auch pessimistisch in die Zukunft.

In der Gesundheitsbranche berichten 55 Prozent der Unternehmen von einer guten Geschäftslage. 13 Prozent gehen davon aus, dass sich die Geschäftslage in Zukunft verbessern wird. Das Geschäftsklima beträgt 133 Punkte.

Hintergrund:

Für ihre Konjunkturanalyse befragt die Handwerkskammer Dresden jeweils im Frühjahr und im Herbst ihre Mitgliedsbetriebe im Kammerbezirk Dresden. Dieser umfasst die Landeshauptstadt Dresden sowie die Landkreise Bautzen, Görlitz, Meißen und Sächsische Schweiz-Osterzgebirge. Für die aktuelle Befragung wurden rund 4.000 der etwa 22.200 Mitgliedsbetriebe befragt.

Der Konjunkturbericht steht Ihnen unter www.hwk-dresden.de/konjunktur zum Download zur Verfügung.


[1] In Zahlen und Fakten bedeutet dies: Der Mutterschutz ist ein Arbeitnehmerschutzrecht und gilt i. d. R. für Selbstständige nicht. Unternehmerinnen müssen selber entscheiden, wie lang sie arbeiten, und schauen, wie sie in dieser Zeit finanziell über die Runden kommen. Von den 1,8 Mio. Elterngeld-Empfängern in Deutschland 2018 waren gerade einmal zwei Prozent ausschließlich selbstständig tätig.

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